Kittler über Rechtschreibreformer: „verfettete Gesäße in den Ministerien”

Der Medienwissenschaftler Friedrich Kittler hat in einem Telepolis-Interview wieder einmal recht erhellende, pointierte Gedanken geäussert – zum Beispiel zur Rechtschreibreform:
„Wir werden im Moment von Leuten aus dem zweiten Bildungsweg regiert und die möchten unsere Bildung aus dem ersten Bildungsweg abschaffen.“

Oder über die strengen Regeln der Programmiersprachen – im Gegensatz zu den laxen Regeln natürlicher Sprachen:
„Das ist eine neue, ganz strenge Orthografie. Insofern kann man kein Jota oder kein Tüpfelchen dran ändern, wie es Jesus von Nazareth in Bezug auf das hebräische Alphabet gesagt hat.“

Und erhellend auch seine Erklärungen zur Entstehung der deutschen Großschreibung – und den politischen Motiven der Rechtschreibreformer:

„Eine entscheidende, für uns historisch wichtige Etappe ist die gewesen, als die Hierarchien des späten Mittelalters in die Schrift hineingegossen wurden. Im Unterschied zum Beispiel zum Französischen schreiben wir ja sämtliche Hauptworte, diese Nominalsubstantive, groß, um die Fürsten, die Bischöfe und die Heiligen zu ehren. Das waren die ersten. Im frühen Barock, also um Sechszehnhundert, war es schon so dramatisch, dass die sozialen oder die kulturellen Hierarchien in der deutschen Großschreibung abgebildet waren. Für Gott den Herrn, der noch höher war als alle anderen Wesen, mussten eben die beiden ersten Buchstaben groß geschrieben werden. Also HErr mit groß H und groß E und klein rr, um die besondere Signifikanz zu zeigen.

Es ist ja bekannt, dass die Reformer die Abschaffung der Großschreibung zu ihrer allerdringlichsten Aufgabe gemacht haben. Das haben sie nicht durchgekriegt. Den politisch sozialen Grundgedanken der Rechtschreibreform sieht man in diesem Teil, der nicht durchgesetzt wurde, am deutlichsten. Es ging um die Abschaffung des Hierarchischen am Deutschen und das kann man ja schon deshalb nicht abschaffen, weil die Ministerpräsidenten der Bundesländer de facto die direkten Rechtsnachfolger der Fürsten sind und diese verhalten sich in der Förderalismusdiskussion ganz so, als ob sie immer noch der Herzog von Sachsen oder von Baden oder von Bayern wären.“

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