Andere Schlussfolgerungen aus "Grass": Intellektuelle Gerontokratie

Ich habe es zwei Einträge weiter unten „geistige Verödung“ genannt und in die gleiche Kerbe sehe ich nun Eva Menasse und Michael Kumpfmüller in ihrem SZ-Feuilleton-Beitrag in der Süddeutschen (17.8.) schlagen – unter dem Titel „Wider die intellektuelle Gerontokratie – Ein Plädoyer für weniger Grass und mehr Nahost in der Debatte“. (Leider nur für Abonnenten zugänglich)

Man mag zu Grass‘ Waffen-SS-Outing stehen wie man will – der entscheidende und bisher am wenigsten beachtete Punkt ist, dass in diesem Land seit ungefähr 50 Jahren zu beinahe jedem kulturell-politisch relevantem Thema die immer gleiche Intellektuellen-Schickeria um bedeutungsschwere Kommentare und Einlassungen gebeten wird oder aber – bei Wortmeldung – eine quasi Schlagzeilengarantie besitzt. Dazu bemerkten die beiden Autoren: „Es ist beschämend, dass die Affäre Grass innerhalb von drei Tagen mehr Wortmeldungen und moralisch gefestigte Standpunkte von deutschen Dichtern und Denkern produziert als der Krieg in Nordisrael und Südlibanon in den 33 Tage davor.“

Treffend auch die Schlusspassage: „Angesichts der immergleichen Debatten und Protagonisten bleibt für die Jüngeren in diesem Land kein Platz. Die Alten, die die Nazizeit noch erlebt haben, verstellen ihnen mit ihrem nicht enden wollenden Moralgeflatter die Sicht. Das ist das wahre Methusalem-Komplott.“

Leider wird die Rolle der Medien nicht wirklich thematisiert. Denn aus meiner Beobachtung tragen die Medien eine maßgebliche Verantwortung an der intellektuellen Monokultur, weil es ja schließlich Journalisten und Redakteure sind, die – aus Bequemlichkeit oder Angepasstheit- die immergleichen Meinungsmacher zu Wort kommen lassen. Somit scheint mir dieser Randaspekt der Grass-Debatte der viel spannendere zu sein: Wie schon dieser Feuilleton-Beitrag im Ansatz zeigt, dürften nach der gerade stattfindenden Demontage des deutschen Meinungs- und Moralpapstes die Karten auf dem Markt der intellektuellen Diskurse ganz neu gemischt werden.

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