„König Leser”: Schreiben kann jeder – aber liest das wer?

Bei der Frage nach seiner besonderen berufliche Qualifikation gerät man als Journalist des öfteren in eine eigenartige Rechfertigungssituation: Schreiben könne in alfabetisierten Kulturen doch jeder und Aufsätze verfasse man schließlich schon in der Grundschule. Nicht zuletzt deshalb fühlen sich viele Zeitgenossen zum Autor oder (Leser-)Reporter berufen.

In fachjournalistischen Disziplinen wie dem IT-Journalismus kommt noch ein anderer Aspekt zum Tragen: Journalisten sind meist keine ausgebildeten Techniker und daher sind sie in der Regel auf fachkundige Informanten wie Informatiker, Analysten oder IT-Manager angewiesen. Da drängt sich – zunehmend auch in Redaktionen mit schrumpfendem Budget – die Frage auf, warum nicht gleich die Techniker selbst in die Tasten hauen und den Fachjournalismus selber in die Hand nehmen sollten?

Eine schöne Antwort darauf hat Gordon Bolduan auf dem Blog des Technology Review gegeben. Anlass war die öffentliche Klage des Informatik-Professors Reinhard Wilhelm, der sich über die unzureichende Darstellung der Computerwissenschaften in den deutschen Medien beklagt hatte und als Konsequenz nun dazu übergehen will, Informatiker in Kurz-Kursen zu besseren Journalisten auszubilden.

„Wilhelms Vorhaben ist genauso absurd wie IT-fremde Akademiker zu Entwicklern von sicherheitskritischen Anwendungen auszubilden. Denn für einen sehr guten Artikel – nur hier bleiben die transportierten Fakten in Erinnerung – bedarf es mehr als hübscher Fachbegriffe und lustiger Beispiele. Überschriften, die auffallen, Einstiege, die in den Artikel hineinsaugen, sind nur ein kleiner Teil des Handwerkzeugs und dennoch bereits eine Kunst für sich. Ohne sie würde der König Leser verständliche Erklärungen schwieriger Sachverhalte nicht mal eines Blickes würdigen. Die Bedeutung des journalistischen Handwerks steigt expotenziell mit der Länge des Artikels und den erschwerten Arbeitsbedingungen. Selbst schreibende Informatiker werden keinen roten Teppich, ausgerollt in die Redaktionen der Republik, vorfinden. Auch für sie ist ein Blockseminar über journalistische Darstellungen keine Abkürzung auf dem harten Weg zu Routine und Inspiration, wie ein Thema durch den richtigen Blickwinkel und Strukturierung zur mitreißenden Geschichte wird.“

Grundsätzlich lobt Bolduan allerdings Wilhelms Ansinnen. Es wäre schon viel gewonnen, wenn man Studenten die Einleitungen ihrer wissenschaftlichen Arbeiten so schreiben ließe, dass sie zum Weiterlesen reizen.

Wenn man sich vor Augen hält, dass verständliche Ausdrucksweise und Informationseffizienz im akademischen Betrieb in der Regel unbekannte Kategorien sind, geben derartige Töne aus Professorenmund Anlass zur Hoffnung.

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