Open Source: Das Bananenprinzip neu definiert

Nach dem Vorbild aus dem Obsthandel lautet das altbekannte Bananenprizip in der Softwareindustrie: Die halbfertige Ware so schnell wie möglich ausliefern, das Produkt reift mit nachträglichen Updates beim Kunden. Nun haben sich die Optimisten mit dem Aufkommen des Open-Source-Entwicklungsmodells erhofft, dass quelloffene Software und eine engagierte Community drumherum dafür sorgen, dass Software zukünftig weniger Fehler hat – und wenn welche gefunden werden, kann sie sofort jemand ausmerzen.

Mittlerweile haben jedoch auch andere die Vorteile dieses Prinzips für sich erkannt – von zynischen Geschäftemachern bis zu naiven IT-Herstellern nutzen mittlerweile viele das positive Open-Source-Image als Marketinghilfe.

Die Cisco-Tochter Linksys beispielsweise hat eine raffinierte Form der Open-Source-„Unterstützung“ ersonnen, wie ich als Besitzer der auf Linux basierenden Netwerkspeicher-Appliance NSLU2 erfahren musste.

Eigentlich hatte ich nach einer Möglichkeit gesucht, USB-Festplatten einfach und ohne Server in mein Heimnetz einzubinden. Aber das Gerät hat sich als Dauerärgernis enpuppt. Die browserbasierende Konfigurationssoftware ist selbst für einen IT-affinen Menschen wie mich sehr kompliziert zu bedienen, insbesondere die Benutzerverwaltung und die Rechtevergabe bergen unzählige Stolperfallen. Abgesehen davon ist das Gerät alle paar Tage abgestürzt (‚Linux stürzt nie ab’…;-), so dass regelmäßig der Zugriff auf die zentrale Heimfestplatte versperrt war.

Natürlich habe ich mich schnell auf die Suche nach einem Firmwareupdate gemacht, doch hier hat Linksys schon lange nichts mehr getan – das neueste ist bereits mehr als 1 1/2 Jahre alt.

Stimmt nicht ganz, denn der Hersteller hat die Pflege der Software in die Hände der „Community“ gelegt: Linksys gibt sich nämlich als generöser Open-Source-Unterstützer, indem sie auf seiner Downloadseite unter der Rubrik „GPL Code“ diverse Firmware-Alternativen anbietet, die von freien Entwicklern erstellt wurden.

Auf diese Weise gewinnt der Begriff Bananensoftware eine ganz neue Bedeutung: Während im alten Verständnis der Hersteller dem Kunden gegenüber stets in der Bringschuld in Form nachgeschobener Updates stand, werden nun Hol- und Bringschuld auf den Kunden abgewälzt. An die Bastler unter den Kunden fällt die Aufgabe, den freigegebenen Quellcode der Appliance bitteschön weiterzuentwickeln, die Nicht-Programmierer können sich auf die Suche nach einer geeigneten Aktualisierung machen. Und der Hersteller ist fein raus, da er ja auf offene Standards setzt und der Open-Source-Szene so eine schöne Spielwiese zur Vefügung stellt.

Im Fall des NSLU2 bedeutete das für mich aus Anwendersicht allerdings nur Ärger. Zunächst musste ich mir aus einer Vielzahl verfügbarer GPL-Updates ein hoffentlich brauchbares auszusuchen, mit der dargebotenen Verpackung (TAR-Archiv) und dem Updatevorgang kommen auch nur Techies zurecht. Die groben Bugs scheinen mit der von mir gewählten Variante tatsächlich ausgemerzt zu sein, die Funktionalität wurde minimal erweitert (Kann jetzt auch Telnet!), aber an der miesen Bedienerführung hat sich nichts geändert.

Für durchschnittliche Kunden, die nach einer wartungsfreien Netzwerkfestlplatte suchen, stellt dieses zweifenhafte Outsourcing-Modell des Herstellers aber schlicht und einfach eine Zumutung dar. Hoffentlich findet das keine Nachahmer.

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