Sony fordert 100.000€: Gerechte Strafe oder Kriminalisierung einer ganzen Generation?

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Ausser mir haben sich vorgestern Abend auch die ca. 150 anwesenden Schülereltern im falschen Film gewähnt, als ein Hauptkommissar von der Kripo Erding im Rahmen einer schulischen Infoveranstaltung über „Jugend und Medienkonsum“ aus dem Ermittlungsalltag im Bereich Computerkriminalität berichtete. Darin ging es beispielsweise um einen 11-Jährigen, der im elterlichen Keller über einen PC mit eigenem DSL-Anschluss verfügte, vollgestopft mit Raubkopien und Videos übelster Machart – sowie einem Tresor daneben, in dem er illegales vor jeglichem Zugriff sicher verwahrte.
Während man für die hier geschilderte Razzia noch Verständnis aufbringt, stimmen einen andere Alltagsszenarien doch recht nachdenklich.

So schilderte er etwa den Fall eines 12-Jährigen Schülers aus dem hiesigen Landkreis, der von Sony zur Zahlung von 100.000 Euro Schadenersatz aufgefordert wurde, weil er sechs Musikvideos von MTV aufgenommen, digitalisiert und auf einer Website zum Download bereitgestellt hatte. Nachdem seine alleinerziehende Mutter den Klägern ihre schwierige finanzielle Situation klar gemacht hatte, schraubte der Medienkonzern am Schluss die Forderung auf 3000 Euro herunter, nebst einer strafbewehrten, lebenslänglich gültigen Unterlassungserklärung. 3000 Euro sei seiner Erfahrung nach derzeit ein durchschnittlicher „Preis“ für derartige Delikte rund um illegale Musikdownloads, so der Kripo-Mann.
Mittlerweile gebe es einige Anwaltskanzleien im Hamburger Raum, die schwerpunktmäßig nach Tauschbörsen-Nutzern in den gängigen Netzen wie Emule oder Azareus fahnden und die Staatsanwaltschaften bundesweit damit auf Trab halten. In der Regel erfolge daraufhin eine unangemeldete Razzia der Kripo, bei der „die Wohnung oder das Haus informationstechnisch entkernt“ würden, schilderte der Polizist mit ironischem Unterton, und: „Unsere Asservatenkammern sind riesig, aber sie quellen über mit beschlagnahmten IT-Ausstattungen. Von der Beschlagnahmung bis zur Untersuchung des Materials vergeht derzeit ungefähr ein halbes Jahr.“

Die meisten der anwesenden Eltern waren von diesen und anderen drastischen Schilderungen sichtlich geschockt – einerseits, weil viele ahnungslos waren in Bezug auf die fürchterlichen Inhalte oder die strafbaren Aktivitäten am PC, andererseits, weil unmissverständlich die Tragweite derart unentdeckter Aktivitäten klar wurde, die man bei vielen heranwachsenden PC-Benutzern vermuten darf.
So nüchtern und in aufklärerischer Absicht der Kriminaler sein Referat auch hielt, so machte er aus seiner Kritik an der bestehenden urheberrechtlichen Gesetzespraxis keinen Hehl, da sie nach seinem Dafürhalten zu einer Kriminalisierung breiter Schichten der jungen Bevölkerung führe. Die Medienkonzerne hätten alle Bemühungen um Bagatellgrenzen bisher verhindert. (Wobei er keinesfalls die grundsätzliche Legitimität des Uhrheberrechts in Frage stellte .)

Interessant erschien mir persönlich nebenbei noch ein anderer Aspekt: Wo sind die Medien, die die Allgemeinheit über solche wirklich ernsten und konkreten Alltagsprobleme informieren müssten? Die meisten der Anwesenden hatten ganz offensichtlich keine blassen Schimmer von derartigen Risiken und dem Ausmaß der sie möglicherweise berührenden Probleme. Wo sind die öffentlichen Debatten, die eine solche ausufernde Praxis der Kriminalisierung thematisieren? Wenn die Medien andauernd von Krise reden, könnte es vielleicht auch mit einer fortschreitenden Realitätsferne zusammenhängen, die sich am geschilderten Beispiel beobachten lässt.

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