Infoworld, immer schön an den Leser denken – und der will offenbar Papier!

Die Einstellung der renommierten Infoworld-Printausgabe zugunsten einer reinen Online-IT-Publikation hatte sicherlich Signalwirkung in der Verlagsbranche und wurde von den Protagonisten selbst als Pionierleistung dargestellt. Möglicherweise ist der Verlag in seiner Online-Euphorie damit aber etwas über das Ziel hinausgeschossen, oder wie ist nach nur wenigen Wochen die halbe Rolle rückwärts zu erklären?

Nachdem nämlich offenbar etliche Leser wenig begeistert darüber waren, nun keine gedruckte Zeitung mehr geliefert zu bekommen, wie der Chefredakteur Steve Fox eingesteht, habe man sich jetzt dazu entschlossen, die besten Inhalte wöchentlich zu einer PDF-Edition „InfoWorld Express“ zusammenzufassen. Das klingt ja alles ganz nett, könnte man aber auch als eine recht beschönigende Fomulierung dafür verstehen, dass der Online-Schuss  eigentlich böse nach hinten losging. Mir fallen an der Sache einige Ungereimtheiten auf:

Fox sagt: „Given our recent switch from print to online, some of the comments I’ve received have been … well, less than complimentary. Let’s just say you got my attention.“ Da dürfte es also recht erboste Proteste gegeben haben. Und ein paar wenige werden es auch nicht gewesen sein, denn sonst würde man nicht den Aufwand einer PDF-Ausgabe betreiben. Sowas geht nämlich nicht locker vom Hocker, sondern erfordert die gute alte Print-Denke und Print-Layouter – wenn man es denn ordentlich machen möchte. 

Und überhaupt ist eine PDF-Edition wohl der älteste denkbare Hut aus der Web-1.0-Mottenkiste – das hat man hierzulande an den vielen erfolglosen „E-Paper“-Experimenten ja ausgiebig beobachten können. Wenn Fox das Thema mit dem jovial-belehrend klingenden Ratschlag vom Tisch wischt: „If you miss InfoWorld magazine, feel free to print the whole thing out and read it in bed … or wherever a monitor would be impractical.“, frage ich mich schon, ob er weiß, wovon er hier spricht. Zum einen ist PDF nämlich das unpraktischste Format zum Lesen am Bildschirm und stellt bis heute nicht mehr als eine Notlösung dar. Dass viele Leser sich eine solche Ausgabe ausdrucken, kann ich mir auch nicht recht vorstellen. Sollen sie es denn mit einem Farb- oder Schwarzweißdrucker machen, eventuell doppelseitig, so sie denn über einen Duplex-fähigen Drucker verfügen? Ist das Layout überhaupt zeitungsartig auf gegenüberliegende Seiten ausgelegt oder auf eine Loseblattsammlung und wie heftet man das Ganze hinterher, dass man es ordentlich blättern kann?

Die Initiatoren der PDF-Ausgabe hatten ausserdem ja wohl nicht den Hintergedanken, darin auch noch Werbeseiten zu verkaufen? Leser, die sich’s ausdrucken wollen/müssen, werden dann wohl diese Seiten auslassen. Werbekunden dürfte (aus obigen Gründen) der provisorische Charakter nicht verborgen bleiben, so dass ich nennenswerte Einnahmen aus dieser Ecke für unwahrscheinlich halte.

Die Tatsache, dass man Infoworld Express nur nach einer Registrierung erhält, lässt den Schluss zu, dass das Ganze eine Art Ersatz für die früheren Print-Abos darstellen soll. Entweder dämmert dem Verlagsvertrieb nun, dass man eigentlich über seine Web-Leser viel weniger weiß als über seine Print-Abonnenten und dass man somit auch seinen Werbekunden viel weniger Daten über die Leserstruktur liefern kann. Und so versucht man nun wohl nachträglich, dieses Manko über ein PDF-Abo zu kompensieren. Oder aber, das PDF-Abo war schon vor der Umstellung geplant, sollte aber nicht den Marketing-Buzz um „Online-only“ beeinträchtigen.

Das ganze Theater um die Infoworld-Strategie und -Vermarktung zeigt jedenfalls, dass den traditionellen Verlagen nach wie vor schlüssige Antworten fehlen, wie hochwertige Medienangebote im Internetzeitalter aussehen müssen. Und es zeigt auch, dass die Leser nicht unbedingt so wollen, wie Verleger und Chefredakteure sich das manchmal vorstellen. Da man in diesem Geschäft aber nun mal vom Leserzuspruch – und von sonst nichts – (über)lebt, sollte man die Bedürfnisse des Publikums in jedem Fall hinreichend berücksichtigen.

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