Berufsblogger – nichts ist mehr unmöglich

Ich hab erst vor kurzem erfahren, dass Jon Udell nun nicht mehr als Blogger, Infoworld-Kolumnist und freier Journalist arbeitet, sondern bereits seit Dezember bei Microsoft fest angestellt ist als ein Art Berufsblogger! Die Sache ist in mehrerlei Hinsicht bemerkenswert.

Zum einen zeigt dieser Fall, welche ungeahnten Möglichkeiten sich für Blogger/bloggende Experten mittlerweile bieten können. Während hierzulande in den einschlägigen Nabelschaublogs immer noch Grundsatzdebatten darüber geführt werden, was alles eine unmoralische Kommerzialisierung von Blogs darstellen könnte oder wie beschränkt/bescheiden die Möglichkeiten des Geldverdienens mit Blogs doch seien, machen die Amerikaner schon die nächsten und übernächsten Schritte.

 

Interessant sind auch die Rahmenbedingungen, die für den bisher als unabhängigen Vordenker und Freigeist bekannten Udell gelten:

I’ve proposed to Microsoft that I continue to function pretty much as I do now. That means blogging, podcasting, and screencasting on topics that I think are interesting and important…

Und noch besser ist folgende Aussage:

F: Will you continue to use Firefox, Gmail, and OS X?
A: Sure. I’ll also continue to use Microsoft technologies as I always have…

Ich bin gespannt, wann sich bei uns die ersten Unternehmen an ein vergleichbares Modell herantrauen, denn leider ist man ja hierzulande in Sachen Komunikation oft sehr konservativ. Um ein Modell à la Udell umzusetzen, muss man nämlich etliche Regeln und Strukturen über den Haufen werfen.

Was zum Beispiel nicht funktionieren wird, ist das auch bei uns schon fleissig prakizierte „PR-kontrollierte“ bloggen. Ein Man wie Udell mag anfangs Basis-Trainings in Sachen Unternehenskommunikation erhalten, ansonten aber funktioniert das alles nur, wenn er machen darf, wie er möchte.

Zum anderen glaube ich, dass der Udell-Ansatz von der Glaubwürdigkeits-Perpektive her viel größere Effekte für ein Unternehmen bringt als es die vielen PR-Blogs bekannter Machart leisten können. Schon jetzt finden sich im deutschen Web ja unzählige Blog-Leichen, die mal als ambitionierte PR-Kampagne mit bezahlten Schreibern (und meist becheidenen Honoraren) initiiert und die dann irgendwann mangels messbaren Erfolg/Budget/Überzeugungskraft wieder heruntergefahren wurden. Solche Retorten-Blogs werden nie funktionieren, weil hier zuerst einmal das essentielle Moment der persönlichen Leidenschaft und Individualtät fehlt -neben vielen anderen Aspekten.

Welche Voraussetzungen bräuchte es, um im Deutschland diese ganz neue Art des Profibloggens zu realisieren?

Auf Auftraggeberseite einen Unternehmer oder Marketingchef mit Visionen und Mut für Experimente – und vor allem eine Resistenz gegen überkommene Kommunikationsweisheiten. Kandidaten für die Rolle als Blogger-Evangelisten dürften kaum aus dem Umfeld PR/Kommunikation kommen, sollten aber wohl schon Erfahrungen als Jouralisten haben und in jedem Fall großen Enthusiasmus für Fachthemen rund um das betreffende Unternehmen mitbringen.

Ich bin auf den ersten deutschen Berufsblogger nach diesem geschildertem Modell gespannt.