Online & Journalismus – ein Widerspruch?

Mit dem beginnenden Dotcom-Boom fingen vor 10 Jahren die ersten Verlage an, Websites aufzubauen. Gleichzeitig schossen auch die Multifunktionsportale wie Pilze aus dem Boden, die allesamt dasselbe Pottpurri aus Suchmaschine, E-Commerce und News rausknallten. Content sollte plötzlich King sein, weil man ja mit irgendetwas seine Seiten füllen musste. Bloß Geld durft der König keins kosten, weil es damals noch kein funktionierendes Geschäftsmodell für Online-Journalismus gab. Und so nahm die Unsitte mit den schnellen, kurzlebigen „News“ seinen Lauf, bei denen  eigentlich nur jeder vom anderen abschmiert.

 

Diese degenerierte Sonderform des Journalismus scheint sich mittlerweile recht gut etabliert zu haben. Wer heute als Journalist auf Konferenzen und größeren Presseterminen unterwegs ist, sieht auch immer ein paar Kollegen dasitzen, die – mit Laptop am Schoß – noch während der Rede von Bill Gates oder Henning Kagermann fleissig in ihr Redaktionssystem klopfen und den brandaktuellen Beitrag noch vor Ende des Vortrags online schalten.

Die naheliegende Frage wäre, ob auch nur ein Satz in solchen Texten eine gewisse gedankliche Reflexion wiederspiegelt und welchen Wert eine solch unreflektierte Berichterstattung für den Leser hat. Die viel wichtigere Frage daraus ergibt sich aber meines Erachten für die auftraggebenden Redaktionen: Warum soll man eigentlich diesen albernen, kostenintensiven Umweg über einen Abschreib-Korrespondenten gehen? Die Abschriften solcher Vorträge werden nämlich von der Presseabteilung ohnehin zeitgleich zur Verfügung gestellt. Über Kopieren und Einfügen bastelt man sich dann den News-Beitrag viel schneller und günstiger in der Redaktion zusammen. Oder man gibt gleich den Pressestellen und PR-Agenuren einen direkten Zugang zum Redaktionssystem. Das wäre ehrlicher und billiger…