IT im (SZ-)Feuilleton: Die Maus ist böse

Einige deutsche Intellektuelle haben durchaus schon in den 90er Jahren die unaufhaltsam heranwalzende Kulturrevolution der Informationstechnologie erkannt. In den Feuilletons gaben aber dennoch jene Kulturpessimisten den Ton an, die die Beherrschung polemischer Stilformen dem Aneignen von IT-Kenntnissen vorzogen. Wer sich auf den Stand der Debatten bringen wollte, las denn auch besser die amerikanischen Hurraschreier von Wired als die deutschen Miesepeter – erstere besaßen wenigstens das nötige Grundwissen.

Dass sich daran nicht viel geändert hat, konnte man gestern wieder im Feuilleton der Süddeutschen nachlesen (hier zum kostenpflichgtigen Download ).

 

Der vielversprechend originelle Titel „Der Englebart-Altar“ (SZ: „Englebart“, Wikipedia: „Engelbart“) machte durchaus neugierig, und mit dem Untertitel „Windows Vista: Computertechnologie in der Sackgasse“ bewies der Redakteur, dass er weiß, wie man raffinierte Köder auslegt. Doch der Versuch einer Fundamentalkritik an grafischen PC-Oberflächen ging mal wieder gründlich in die Hose, weil der Autor (Bernd Graff) offensichtlich wieder mal: keine Ahnung hatte.

Man kann sich kurz fassen: Nach einem kurzen, aber schlampigen geschichtlichen Abriss, der auch Douglas Engelbart als Erfinder der Maus und der grafischen Oberfläche erwähnt, werden Windows, aber auch Mac und Linux als Dinosaurier dargestellt, die sich hartnäckig allen Innovationen der zeitgemäßen Bedienung widersetzten. Nun bin ich der letzte, der was gegen Kritik zu diesem Thema hat und bezüglich einiger kompatibilitätsbedingter Altlasten von Windows darf man – wie der Autor – auch polemisch werden. Man sollte aber nicht so blind sein und ignorieren, dass sich auf vielen Gebieten mit der Zeit grundlegende Bedienstandards etablieren. Wer käme zum Beispiel auf die Idee und würde die User-Interfaces von Geräten wie dem Klavier oder der Tür (Klinke) wegen ihrer jahrhundertealten, bewährten Bauweise als veraltet abkanzeln? Ein ähnlich zeitloser Standard scheint mir die PC-GUI zu sein. Das argumentative Kartenhaus des Autors wackelt hier also schon am Fundament.

Spätestens bei den Alternativvorschlägen hatte der Autor dann sein Pulver verschossen: Wer heute noch von der Spracheingabe als zukunftsträchtiger Alternative zur grafischen Oberfläche schwadroniert, hat schlicht und einfach noch nie selbst eine ausprobiert. (Entsprechende Software mit hoher Erkennungsgenauigkeit gab es übrigens schon vor über 10 Jahren – zum Beispiel im Bundle mit IBMs OS/2 Warp ). Und angesichts der hier unterstellten Innovationsverweigerung muss man sogar noch einmal Microsofts Bemühungen um mausfreie Bedienung und Handschrifterkennung am TabletPC lobend erwähnen. Probiert wurde also schon viel, nur kaufen wollte diese innovative Technik halt kaum jemand. Und wenn mir schließlich einer erzählen möchte, dass ein Nutzer im 21. Jahrhundert keinen Speicherort für Dateien mehr benötige, dann frage ich zurück an den zuständigen Redakteur, ob solche Leitartikel eigentlich korrekturgelesen werden?

Eigentlich war damit der Höhepunkt der Absurditäten erreicht und auch dem Autor ging offenbar die Luft aus, aber mit Blick auf das Zeilenhonorar schob er nun noch einen argumentativ inkonsistenten Begründungsepilog nach. So entlarve etwa ein investigativer Einblick in die Entwicklungsrichtlinien von Windows Vista, dass Microsoft die Innovationsverweigerung zum Dogma erhoben habe. Und überhaupt sei bisher auch die Chance verpasst worden, Web-Anwendungen als überfälligen Modernisierungsschritt zu feiern. Hat bisher ja anscheinend noch niemand getan.

Im Schlussabstatz schafft er dann doch noch einen kleinen Höhepunkt: „Der Abschied von Maus, Tastatur, Monitor und Kiste in Hospitalgrau wäre möglich.“ Lieber Herr Graff, schon mal die Süddeutsche gelesen? Kann ich empfehlen, denn da flattert einem mindestens zweimal die Woche ein farbiger Prospekt von Saturnmediamarktdingsbums entgegen, und da drin finden Sie (seit einigen Jahren) viele Bilder von bunten oder ganz stylishen PCs und Laptops. Gibts notfalls auch bei Aldi zu kaufen, und man kann damit dann viele neue Dinge lernen. Ich sag’s ungern, aber die Schreibmaschine ist: Out!

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Mir ist es auch unverstaendlich, wie weit sich der gute Herr da aus dem Fenster gelehnt hat. Hat nicht wirklich Ahnung aber laesst die Keule einfach auf alles hernieder, was er nicht mag oder auch gar nicht versteht. Schwach von der Redaktion, den Artikel das Tageslicht erblicken zu lassen.