Manche nennen es Wirtschaftsimperialismus

SO EIN ZUFALL! Vorgestern habe ich noch kryptisch über die ungehinderte Betätigung von US-Strafverfolgern in Deutschland geschrieben (und es gab Gründe für diese verklausulierte Darstellung). Und heute befasst sich der Oberinvestigator der Süddeutschen, Hans Leyendecker, mit diesem Thema im Aufmacher der Wochenendbeilage. Titel: „Was Manager fürchten sollten„. Dabei erwähnt er auch Details zu jenem Fall, der mir zu Ohren gekommen ist: Zwei von insgesamt vier inhaftierten Infineon-Topmanagern saßen in einem US-Gefängnis ein, ohne dass sie mit den Preisabsprachen zu tun hatten („Bauernopfer“).

Tatsächlich hat bisher noch niemand über diesen eigentlich öffentlichkeitsrelevanten Fall berichtet, der 2005 ins Rollen kam, wie der Autor ausdrücklich erwähnt. Ansonsten behandelt der Artikel ganz allgemein  die zunehmenden Auslandsaktivitäten der US-Justiz in Sachen Wirtschaftskriminalität, vor denen weltweit kein Manager mehr sicher ist und die sehr oft mit Aufenthalten in US-Gefängnissen enden.

Was mir an diesem Beitrag enorm aufstößt, ist Leyendeckers unverhohlene Mischung aus Häme und Belehrung, die er schon im Untertitel zu Schau stellt, der da lautet: „Achtung liebe Führungskräfte: Bei Korruption droht der Knast in Amerika.“ (!) Hier lässt er also wieder mal ganz ungeniert den 68er-Moralisten raushängen, und das ganze gipfelt dann in folgenden durchgeknallten Schlusssatz: „Verglichen mit der Hand, die den Geldhahn auf- und zudreht, ist ein Revolver übrigens immer noch ein lächerliches Instrument.“ Weiß der Mann, wovon er hier redet?

Ohnehin sehr bedenklich finde ich den Tenor Leyendeckers, der sich durch den ganzen Artikel zieht und sich in etwa so liest: Okay, die Amerikaner maßen sich an, Weltpolizei zu sein und eigentlich geht mir das auf allen anderen Gebieten arg gegen den Strich, aber solange sie gegen geldgierige Manager vorgehen, billige ich, der bekannten Obermoralist, jedes Mittel, dessen sie sich bedienen. Auch wenn es dabei um rechtlich zweifelhafte Verhaftungen oder Razzien im Ausland geht.

Sehr, sehr schlechter Stil, das. Auf so eine Moral kann ich verzichten.

[Nachtrag] Aus der deutschen Wirtschaft ist immer wieder der Vorwurf zu hören, dass amerikanische Behörden die Industrie des eigenen Landes unterstützten, wobei die CIA hierbei oft die Rolle der Datenbeschafferin spiele. Leyendecker kanzelt dies als ideologisches Gewäsch deutscher Manager ab. Nach meine Informationen kam im genannten Fall der Speicher-Preisabsprachen der involvierte amerikanische Hersteller (es müsste Micron gewesen sein) recht glimpflich davon, zu einer Haftstrafe sei dort niemand verurteilt worden.

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