Die Doppelmoral unserer internetfeindlichen Leitmedien

Gerade lief im Radio ein Spot der Süddeutschen, in dem sie sich – mit Hinweis auf die Siemens-Korruptionsenthüllungen – in großen Tönen als die Hüterin der demokratischen Kultur in Deutschland feiert. Wer sich auf diese Weise zum Kampagnenjournalismus um der Guten Sache Willen bekennt und als nationale moralische Instanz verstanden werden möchte, von dem sollte man dann eigentlich auch erwarten können, dass er diese Maßstäbe konsequent auch auf sich anwendet. Mit eben dieser Konsequenz aber ist es bei SZ und Co. offenbar nicht so weit her, wenn man noch einmal die Geschehnisse der letzten Tage rund um die Anti-Internet-Polemiken in der SZ und der FAZ Revue passieren lässt.

Interessant ist zunächst einmal das zeitliche Zusammentreffen der Tiraden Bernd Graffs über die Internet-Idioten in der letzten Wochenendausgabe mit der Sperrung der Kommentarbereiche auf sueddeutsche.de in den Nachtstunden und am Wochenende. Man begründete diese Einschränkung als notwendige Maßnahme, um die Diskussionsqualität im Web zu wahren. So gesehen war Graffs Kanonade nichts anderes als eine gezielte argumentative Schützenhilfe – immerhin dürfte er als stellvertretender Chefredakteur von sueddeutsche.de für die Beschneidung des Webangebots mitverantwortlich sein.

Vordergründig versucht die SZ damit , eine Art Schund- und Qualitätsdiskurs zu eröffnen. Um gleichzeitig einem anderen, viel heikleren Problem auszuweichen – nämlich der Frage, ob sie sich mit der Einführung der Sperrstunden klammheimlich jenem Hamburger Skandalurteil zur Haftung von Bloggern und Website-Betreibern für Leserkommentare beugt. Der Verlag aber tat nach außen so, als gebe es keinen Zusammenhang zwischen der eigenen Aktion und dem Urteil des Hamburger Landgerichts.

Dieses Leugnen eines Zusammenhangs ist für die SZ von großer Bedeutung. Hätte man nämlich die Web-Beschneidung mit dem Hamburger Urteil begründet, wäre unweigerlich die Frage aufgetaucht, warum ein sonst in Sachen Bürger- und Freiheitsrechten so vorlautes Leitmedium keinen medialen Rabatz veranstaltet. So, wie man das in Fällen wie Siemens mit der üblichen Vehemenz betreibt. Stattdessen schweigen Süddeutsche, FAZ und Konsorten beharrlich, wie sie es seit Jahren tun, wenn es um fragwürdige Gerichtsurteile im Internetsektor geht.

Das ist also der eigentliche Skandal – und nicht Graffs billige Polemik, auf die sich die Blogger massenhaft und erzürnt gestürzt haben (was wohl auch das Kalkül von Graff gewesen sein dürfte). Ich hatte schon mal darüber geschrieben und es scheint sich zu bestätigen: Den (Print-)Leitmedien ist die Meinungsfreiheit nur solange wichtig, wie es um die eigenen, traditionellen Publikationen geht. Vielleicht sehen sie es sogar als letzten, heimlichen Wettbewerbsvorteil: Die Internetgosse lässt man von Gerichten zuregulieren, damit man selbst weiter ungestört seine Kampagnen fahren kann. Wie lange das gut geht, werden wir sehen.