Kann Qualitätsjournalismus ohne Zeitung überleben?

Zur Zeit machen sich viele helle Köpfe öffentlich Gedanken über die Zukunft der Zeitungen und des Journalismus. Man kann viele Schlüsse daraus ziehen – einer ist sicherlich, dass es um die wirtschaftliche Lage der Zeitungen auch hierzulande nicht mehr allzu gut bestellt ist. Selbst bei der Süddeutschen sollen ja einem Bericht des aktuellen DJV-Magazins zufolge erst vor kurzem 30(!) Redakteure mit Abfindungen zum Ausstieg bewegt worden sein.

Wie es mit dem Qualitätsjournalismus weitergehen und wie er vor allem finanziert werden soll, erörtert Miriam Meckel in einem aktuellen FAZ-Beitrag. Allerdings baut auch Sie ihre Argumentation auf altbekannten Plattitüden über das inhaltsleere, geschwätzige Internet auf:

Stattdessen berichten Bürger für Bürger, indem sie ihre Lebenserfahrung und die Beobachtungen ihrer Lebenswelt im Netz veröffentlichen. … [Diese] Bürgerberichterstattung [beruht] auf nichts anderem als der permanenten Reproduktion und Neukombination von vorhandenen Informationen, wie sie im Netz längst üblich ist.


Ein Großteil der Inhalte, die in Weblogs und auf Social Networking Sites präsentiert und diskutiert werden, stammen aus der Recherche und Publikation der traditionellen Medien. Ohne deren Angebote wären viele Weblogs inhaltlich eine wüste Ödnis.

So weit so gut – es bestreitet ja niemand, dass ein großer Teil der Webinhalte von mangelnder Relevanz ist. Das Netz ist halt noch geduldiger als Papier. Interessant wird es dann bei ihrem Rettungsvorschlag:

Wir brauchen Menschen, die von ihrem Schreibtisch aufstehen und sich von ihrem Computer lösen, um zu beobachten, was in der Welt geschieht.

Völlig richtig! Allerdings trifft sie damit nicht den wunden Punkt des Web-Journalismus, sondern adressiert damit eine Verfallserscheinung des papiergebundenen (Qualitäts-)Journalismus. Seit Jahren schon verlagert sich nämlich die Zeitungsarbeit weg von den Orten des Geschehens in die Redaktionsstuben, wo austauschbarer Content zu immer größeren Teilen aus dem Input von Agenturen zusammengeschustert wird. Hier könnte man glatt Twitter als revolutionäres Gegenmodell nennen, das zeigt, wie es besser geht: So viel vor Ort erstellten Content wie in Twitter dürfte es in kaum einem anderen Medium geben.

Meine Folgerung aus der anhaltenden Medienkrise lautet – und darin bestätigt mich dieser Beitrag –, dass wir es weniger mit einer Medienkrise als mit einer Journalismuskrise zu tun haben. Es ist den Journalisten das Gespür abhanden gekommen, mit welchen Themen man die Leserschaft begeistern kann. Und sie bekommen kein Gespür dafür mehr, weil sie nicht mehr rauskommen.

Momentan bietet das Web noch wenige tragfähige Geschäftsmodelle für hochwertigen Journalismus, aber immerhin viele neue Chancen. Die Spielregeln allerdings haben sich hier geändert, und die muss man wohl oder übel lernen.

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Beifall, Wolfgang. Am üblichen Blog- und Twitter-Bashing in einer (hier nicht näher benannten) Redaktionskantine würde ich ablesen, daß dies einigen „Qualitätsjournalisten“ durchaus untergründig bewußt ist, denn sonst wären ihnen diese Erscheinungen schlicht egal, oder?

  2. Herr Ober, die Rechnung bitte. 😉 (Wobei diese Rechnung wohl keiner wirklich sehen will…)