Nach Schnutinger-Desaster: Demnächst mit Blackwater ins Social-Media-Schlachtfeld?

Es gibt Errungenschaften in der alten Medienordnung, denen man in der publizistischen Chaos-Welt des Internet noch bittere Tränen nachweinen wird. Was ich meine ist der unbedingte Schutz, den Verleger und Chefredakteure ihren Journalisten angedeihen ließen/lassen. Investigativer Journalismus gar ist überhaupt nur möglich, wenn sich die Auftraggeber bis in die Geschäftsführungsebene hinauf bedingungslos vor einen Rechercheur stellen, um auch heftige Angriffe von Seiten einer ins öffentliche Visier geratenen Partei abzuwehren. Ich habe solche Situationen in meiner Zeit als Redakteur einige Male erlebt – da kann man sich seinen Spitzenanwalt getrost in die Haare schmieren, wenn die gegnerischen Panzer vor dem Verlagsgebäude schon Stellung bezogen haben. Und selbst im meist unverfänglichen Nachrichtenalltag beruhigt das Wissen um die geschlossenen eigenen Reihen die Nerven.

Wer gelernt hat, den Kopf hinzuhalten

In der Welt des freien, unbeschwerten Internet-Publizierens sind solche etablierten, professionellen Sicherheitsmechanismen unbekannt. Das ist unproblematisch, solange man als Blogger einen großen Bogen um vermintes Terrain macht, wobei man auch hier immer öfter von Abmahnfällen und anderen juristischen Scharmützeln hört. Jene Blogger, die gelegentlich schwerere Geschütze auffahren, sind übrigens meistens: Journalisten, die gelernt haben, den Kopf hinzuhalten.

Das bringt mich nun zum Fall Vodafone/Schnutinger – und zwar zu jenem Aspekt, der in dem ganzen Tohuwabohu etwas untergeht (Guten Überblick über die Ereignisse liefern 50Hz oder  Fixmbr). Frau Schnutinger alias Ute Hamelmann hat bekanntlich etwas naiv werblich für Vodafone gebloggt, erntete daraufhin wüste Kritiken und Beschimpfungen und hat nun aus Frust jegliche Blogaktivitäten eingestellt. Wie C.J. ganz gut pointiert, wurde hier eine Bloggerin schlicht und einfach verheizt. Fakt ist, dass niemand von der Auftraggeber- oder Agenturseite sich vor die Bloggerin gestellt und sie in Schutz genommen hat, wie das in einem traditionellen publizistischen Umfeld – auch im Corporate Publishing – ganz selbstverständlich wäre.

Unterlassene Hilfeleistung in der Kriegszone

Dieser Fall unterlassener Hilfeleistung konnte nur deshalb passieren, weil die Verantwortlichen das Terrain Öffentlichkeit – oder sollte man sagen ‘echte Öffentlichkeit? – viel zu wenig kennen. Jene Kommunikatoren haben Öffentlichkeit bisher nur aus ihren Schutzzonen heraus wahrgenommen, wo sie in Anzeigenseiten und Werbeblöcken schöne Reklamewelten errichten und sich kreativ austoben durften. Vom Blutbad auf der redaktionellen Nachbarseite haben sie nicht mal Spritzer abbekommen.

Nachdem nun die Social-Media-Revolution die Zäune um die alten Werbeschutzzonen niedergewalzt hat, brechen sie wie Eroberer auf in diese Terra Incognita der ‘echten Öffentlichkeit’ – und wollen dabei sehr oft nicht wahrhaben, dass hier Kommunikation etwas völlig anderes bedeutet, dass hier Scharfschützen lauern und Minen vergraben liegen, die nur darauf warten, beim falschen oder richtigen Impuls einen Feuersturm zu entfachen.

Selbst jene, die die Risiken kennen – und im Vodafone-Projekt waren davon ein paar dabei –, haben zumindest den nächsten wichtigen Schritt nicht bedacht: Dass man seine Söldner, die man ins das gefährliche Gelände schickt, schützen muss. Sobald ein großer Auftraggeber dahintersteht, sind das nämlich nicht mehr einsame Blogger, sondern ‘Mitkämpfer’, die das verdammte Recht haben, bei einem unschönen Verlauf der Kampagne unbedingten Beistand zu erhalten und bei Bedarf evakuiert zu werden.

Social Media als Risiko für Blogger

Social Media läuft nach solchen unschönen Ereignissen nicht nur Gefahr, auf Industrieseite in Misskredit zu geraten, sondern verspielt auch das Vertrauen auf Seiten der ‘Inhaltelieferanten’ – den Bloggern oder Twitterern -, ohne die das ganze Geschäft gar nicht möglich ist. Bei Kommunikationsdienstleistern und/oder deren Auftraggebern ist hier ein Umdenken gefordert – vielleicht holt man sich ja mal entsprechende Kompetenzen ins Boot.

Und Agenturen, die es immer noch nicht recht verstanden haben, können ja mal bei Söldnertruppen wie Blackwater anfragen, ob die ihnen in der gefährlichen Social-Media-Welt zur Seite stehen. 😉

[Alternativ zur Militärmetapher hat Martin Ötting übrigens den Fall aus der Perspektive eines LKW-Unfalls sehr schön verbildlicht]

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