Schirrmacher, wer hat denn die Digitale-Medien-Debatte zum Palaver gemacht?

„Mein Kopf kommt nicht mehr mit“ beschreibt Frank Schirrmacher in seinem Buch Payback sein zentrales Problem mit den digitalen Medien (hier die SZ-Kritik). Dafür wurde er von vielen als digitaler Dilettant abgekanzelt. Man muss ihm aber zugute halten, dass er diesen seinen Kopf anders als viele “abgehängte” Kollegen nicht einfach in den Sand steckt, sondern sich im Gegenteil darum bemüht, die öffentliche Auseinandersetzung mit der digitalen Kultur voranzutreiben. Dazu hat er gerade heute auf FAZ.de eine Debatte darüber eröffnet, wie die IT-Medien unser Denken verändern. Einige Wissenschaftler und Autoren steuerten dazu Artikel bei – darunter so prominente Namen wie Nicholas Carr und Kevin Kelly (Wired).

Schirrmacher lässt es sich aber auch dieses Mal nicht nehmen, deftige Seitenhiebe gegen die seiner Ansicht nach rückständige deutsche Internetdebatte auszuteilen:

“Anders als in Deutschland, wo die Debatte über das Informationszeitalter noch immer ein von Interessen geprägtes Palaver über Medien ist, zielt die Edge-Debatte in die Tiefe.”

“Die deutsche Internet-Debatte ist auf dem Stand der neunziger Jahre. Eine digitale Avantgarde von eigenen Gnaden, die entscheiden möchte, wer dazugehört, tut so, als wäre Kommunikation im Netz nicht kinderleicht und als genügte es in einer Zeit, da selbst „Die Grauen“ im Netz unterwegs sind, einen Blog zu besitzen, um sich als Kenner auszuweisen. Das ist verständlich, weil es Politik- und Verlagsberatung verkauft, aber als angeblich progressive Haltung ist es längst von der Wirklichkeit überholt.”

Mitschuld des Medienestablishments

Dabei übersieht man leicht, dass es gerade das von Schirrmacher und Konsorten dominierte deutsche Medienestablishment war, das seit den frühen 90ern diese Debatten kleingehalten und unterdrückt hat. Während in den USA die aufkommende IT-Revolution von einer intellektuellen Avantgarde begleitet wurde (Wired war sicherlich die zentrale, aber bei weitem nicht einzige Plattform dieses Diskurses), hatten die spärlichen Avantgarde-Pflänzchen hierzulande kaum eine Chance, außerhalb ihrer Zirkel gehört zu werden. Die führenden deutschen Medien haben sich im Gegenteil geradezu darin gefallen, bei jeder passenden Gelegenheit die digitale Revolution kleinzureden und sie als vorübergehenden Hype von pickelgesichtigen Computeridioten abzutun. Ich verweise dabei gerne (und zum wiederholten Mal) auf den 1996er SZ-Feuilletonbeitrag “Bemerkungen eines Cyberskeptikers”, der das deutsche Bedenkenträgertum par excellence zur Schau stellt.

Meine These lautet daher, dass die heutige Medienkrise auch deshalb so hart einschlägt, weil die geistige Elite in diesem Land die Auseinandersetzung mit der IT-Revolution so lange verweigert hat. Auch und gerade Schirrmacher sollte sich das mal hinter die Ohren schreiben. Schuldzuweisungen oder ein Jammern über vertane Chancen sollten sich die Kritiker dennoch verkneifen: Man kann ihm nämlich durchaus dankbar dafür sein, dass er wenigstens jetzt mit allen möglichen Beiträgen die Debatten anfeuert – vielleicht gelingt ja diesmal eine fruchtbarer deutscher Diskurs über die kulturverändernde Medienrevolution.

Don Dahlmann kann es nicht mehr hören,

das “Blogger-gegen-Journalisten-Dings” und hat dazu einige bemerkenswerte Gedanken niedergeschrieben. Sehr treffend u.a. das hier:

“Warum sollen Blogger eine Arbeit machen, die Verlage dank ihrer finanziellen und juristischen Ausrüstung viel, viel besser können? Mittlerweile versuchen es ein paar mutige Blogger, aber ein Ersatz für einen unabhängigen, von einem starken und mutigen Verlag finanzierten Journalismus, dessen Chefredakteure nicht samt Verlagsgeschäftsführer mit Lobbys und/oder Politkern schmusen, ist das nicht.

Google Streetview: Echte Gesichter filtern, nicht Graffitis!

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Google versucht, per Software die Gesichter abgelichteter Personen in Streetview unkenntlich machen, um deren Privatsphäre zu schützen. Da das nicht immer zuverlässig klappt, geht nun der oberste Schweizer Datenschützer gerichtlich gegen Google vor. An anderer Stelle hingegen scheint die Software übers Ziel hinauszuschießen. So etwa bei diesen meterhohen Plakaten an den Südfassaden des Figueroa-Hotels in Los Angeles, die für das Spiel Grand Theft Auto (GTA) werben.

Aktuell prangen an der selben Stelle in der S Figueroa St übrigens neue – GTA – Motive. Siehe unten…

Haiangriff oder Schmuseattacke?

Was ich bisher verstanden habe: Der Hauptdarsteller hier, der Weißspitzen-Hochseehai (Longimanus) ist bekannt als die humorloseste aller Haiarten und unbekannt für seine tatsächlichen Raubzüge auf hoher See. Scheint also auf die Situation anzukommen, denn hier schubst er nur ein bisschen rum.

Gute Blog-Inhalte vs. Suchmaschinenoptimierung

Wie wahr: Vergesst den ganzen SEO-Hype, es sind mehr denn je die guten Inhalte, auf die es ankommt, schreibt Dawn Foster im Web Worker Daily (via notizen aus der provinz):

If you don’t have great content, SEO is not going to be very useful for you. You might be able to do some SEO trickery to get people to your web site, but if they aren’t impressed by the content when they arrive, they won’t stick around long enough to have any impact.

Das deckt sich mit meinen Erfahrungen auf diesem Blog: Hier landet einiger Google-Traffic über Suchbegriffe, die sich zwar (zufälligerweise) als guter Google-Köder erwiesen haben, aber kaum Bezug zum typischen Inhalt hier haben. Und was passiert? Die Absprungrate auf den Zielseiten geht bei solchen Suchbegriffen stets in Richtung 100 Prozent. Das heißt: Der Suchende wurde zwar von Google schnell hierher vermittelt, hat dann aber sofort gesehen, dass diese Site nicht seinen Erwartungen entspricht und ist sofort wieder weggezappt.

Die Macht von Twitter – als Agendasetter

Vielleicht wollte Johannes B. Kerner ja genau das beweisen: “Twitter ist wie die  Pest” (Video), warf er in die traute Dienstagabend-Talkrunde mit ergrauten Journalistenkollegen ein und legte nach: “Es ist völlig sinn- und gehaltlos für journalistisches Arbeiten.” Am nächsten Tag brach für ihn tatsächlich die Pest aus – seine Polemik wurde so lange rauf und runtergetweetet, bis sogar Welt.de über seine Inkompetenz berichtete. Man gewinnt fast den Eindruck, als würde mit der Anzahl der Twitter-Tiraden aus der Ecke der Traditionsmedien auch die Wucht der Returns aus der Twitter-Welt anwachsen. Wie dem auch sei, dieses aktuelle Beispiel zeigt in jedem Fall, dass die Frage über Sinn und Qualität von Twitter längst obsolet geworden ist: Twitter ist da, und Dank seiner Mitglieder erweist es sich immer mehr als Medium, mit dem man Themen auf die (journalistische) Agenda bringen kann. Und genau hier liegt wohl des Pudels Kern von all der Schelte: Medien und Journalisten betrachteten Agenda-Setting in der Vergangenheit als ihr Monopol, doch nun wandert auch diese (geschäfts)kritische Funktion hinaus ins weite Web. Man darf schon gespannt sein, wie massiv Twitter am kommenden Wahlsonntag in die Agenda der Mainstreammedien reinpfuschen wird.

Des Nerds später Triumph – vom Computeridioten zum Retter der Gesellschaft

Die Bedeutung des heutigen FAZ.de-Artikels “Aufstieg der Nerds – Die Revolution” kann man nicht hoch genug einschätzen. Kein geringerer als Frank Schirrmacher (u.a. Herausgeber der FAZ) singt hier das hohe Lied auf die neue gesellschaftliche Leitfigur des Nerds – also des Technik- und Computerfreaks:

Was wir erleben, ist der Übertritt einer anderen Intelligenzform in den Bereich der Politik.

[Der harte Kern der Piraten] ist nerdig, doch Jens Seipenbusch, der Bundesvorsitzende und ein Intellektueller von Format, zeigt bereits den Übergang: die Verwandlung des Nerds in ein politisches Tier.

Dieser Wahrnehmungswandel ist insofern bemerkenswert, als Nerds von den Mainstream-Medien bisher nicht nur weitgenend ignoriert oder missverstanden wurden, sondern oft genug auch als Hassobjekt herhalten mussten. Eines der bis heute übelsten Machwerke der IT- und Nerd-Verachtung hat Christian Nürnberger vor 13 Jahren, am 30.8.1996, im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung abgeliefert. Unter dem Titel “Vernetzt, verletzt, verheizt: Bemerkungen eines Cyber-Skeptikers” zieht er gegen die aufkeimende Web-Kultur vom Leder – und legt schon im ersten Satz mit einer üblen Beschimpfung los:

Computeridioten haben’s schwer. Im Augenblick stehen sie zwar als Netsurfer, Trendsetter, Cybernauten, Digerati und Eroberer digitaler Welten ganz oben auf der In-Liste, aber es ist abzusehen, daß sie schon bald wieder dort landen werden, wo sie hergekommen sind: auf der Out-Liste.

Der zum Avantgardisten mutierte Techie mag ein Idiot sein, dumm ist er trotzdem nicht, denn er sieht schon, was als Nächstes kommt: Ein paar Jahre werden die Intellektuellen den Cyberspace noch als die größte Entdeckung der neueren Weltgeschichte feiern[…]. Aber irgendwann wird einer merken: Von der virtuellen Pizza wird keiner satt, und die reale, aufwendig übers Internet bestellte Pizza kommt genauso lauwarm und pappig ins Haus wie die telephonisch bestellte.

Bis heute erstaunt mich der diffamierende, menschenverachtende Sprachstil Nürnbergers, der offenbar die Billigung der Redaktion hatte. Immerhin – heute können wir triumphierend darauf zurückblicken, weil wir wissen, dass der Autor und seine technikfeindlichen Gesinnungsgenossen mit ihren Prognosen völlig daneben lagen. Der Computeridiot ist nämlich keineswegs von der Bildfläche verschwunden, sondern steht im Gegenteil heute in der gesellschaftlichen Rangordnung ganz oben, so Schirrmacher:

Der Nerd ist ein Wunder der Technik. Aber jetzt wird er zu einem Wunder unserer Gesellschaft.

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