PR und Journalisten: Wie sie Twitter nicht – oder richtig – nutzen

Hier mal ein paar vorläufige Beobachtungen und Gedanken, wie PR-Leute und Journalisten Twitter nutzen:

– Praktisch jede PR-Agentur und Pressestelle ist inzwischen in irgendeiner Form in Twitter unterwegs. Nur wenige PR-Fachleute gehen mit dem Medium bis dato allerdings richtig kreativ um. Viele PRler beschränken sich darauf, Twitter zum Anteasern von Pressemitteilungen zu benutzen – und zwar im monologischen Verlautbarungsstil. Sofern sich aus solchen Mitteilungen Fragen ergeben, liegt es für mich als potenziellen Adressaten eigentlich nahe, diese unmittelbar per Tweet an den Absender zu richten. Ich habe das schon gelegentlich ausprobiert, allerdings selten Antworten bekommen.  Damit lässt man die Dialogmöglichkeiten des Mediums links liegen – und vergibt damit wertvolle neue Kommunikationschancen mit den Zielgruppen. Einige Alpha-Twitterer aus der PR-Szene machen hingegen  schon ganz gut vor, wo diese Reise hingehen kann. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass im offenen Medium Twitter viele unvorhersehbare Fallgruben lauern. Wer hier im Auftrag eines Unternehmens kommuniziert, tut gut daran, potenziellen Risiken aus dem Weg zu gehen und dieses neue Terrain nicht zu offensiv zu beschreiten (siehe #vodafail).

– Von den Journalisten habe ich mir eigentlich sehr rege Aktivitäten auf Twitter erwartet, jedoch tummeln sich hier noch erstaunlich wenige Kollegen. Ich habe den Eindruck, dass sich viele noch nicht anfreunden können mit der neuen Rolle und einer neuen Außenwahrnehmung, die ein Auftritt in Twitter mit sich bringt. Der unmittelbare Kontakt mit dem Publikum – einzeln und mit offenem Visier –, das ist nicht die gewohnte Position, von der aus der Journalist traditionell mit seiner Zielgruppe kommuniziert. Natürlich ist auch der SMS-Minimalismus nicht jedermanns Sache, doch auf der anderen Seite läuft Twitter eigentlich nebenher und böte also unzählige Chancen, um zum Beispiel die aktuellen Recherche- und Schreibaktivitäten mit Textschnipseln zu begleiten. Nicht zu unterschätzen sind außerdem die Netzwerkeffekte, die sich im Lauf der Zeit innerhalb einer Follower-“Gemeinde” ergeben. Zumindest ausprobieren sollten es die Damen und Herren Berufsschreiber, denn aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass Twittern nicht von heute auf morgen perfekt funktioniert, sondern ein kontinuierlicher Lernprozess ist. Je früher man einsteigt, desto besser. Mag ja sein, dass wir es mit einem Hype zu tun haben und die Skeptiker Recht behalten, die in ein, zwei Jahren das Ende von Twitter erwarten. Falls Twitter aber weiterlebt, wird es immer schwerer, auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Von den bis dahin nicht gemachten Text- und Networking-Erfahrungen mal ganz zu schweigen.

Erste Windows-7-Spots: Abschütteln als Feature

 

Ganz viral tauchen die ersten Werbespots zu Windows 7 auf. “Aero Shake” zu inszenieren – jene eher nebensächliche Funktion zum Fenster wegschütteln – erscheint ja zunächst als etwas alberne Idee. Dafür haben es die Produzenten aber ganz gewitzt umgesetzt. Nach dem Spot hat garantiert jeder kapiert, wie es funktioniert – ob es die Anwender nutzen werden, ist wohl eher nebensächlich.

Wahltag – Zahltag für die Twitter-Basher?

Kommt nochmal was in Sachen Twitter-Bashing? Bei der Süddeutschen dürfte ja inzwischen jeder mal dran gewesen  sein – zuletzt Johannes Boie vergangene Woche mit dem x-ten Versuch, Twitter als überschätztes Instrument für Selbstdarsteller zu entlarven. Über die tieferen Gründe dieser permanenten Tiraden lässt sich wohl nur spekulieren: Ist es der Abwehrkampf jener Zunft der sprichwörtlich “rasenden Reporter”, die angesichts von Twitter-Blitzmeldungen heute wie lahme Enten dastehen? Oder fürchten die einstigen Leitmedien den Verlust der Meinungs- und Deutungshoheit in der Öffentlichkeit?

Wie auch immer – etwa zeitgleich hat der Bundeswahlleiter Roderich Egeler im Hinblick auf die Bundestagswahl noch einmal seine Strafdrohung erneuert: Wer am Wahltag die sogenannten “Exit-Poll”-Hochrechnungen vorzeitig über Twitter verbreite, müsse mit einer Geldbusse von 50.000 Euro rechnen. Die Gefahr eines neuerlichen “Twitter-Verrats” aus Politkreisen heraus (wie bei der Bundespräsidentenwahl oder den letzten Landtagswahlen) dürfte damit weitgehend gebannt sein.

Gleichzeitig aber steigt mit der medialen Warnkampagne auch die Aufmerksamkeit von Twitter enorm. Spaßvögel oder Saboteure dürften sich inzwischen herausgefordert fühlen, am Wahltag mit Hilfe von Fake-Accounts vermeintliche Hochrechnungen in Umlauf zu bringen. Eine hohe Aufmerksamkeit für Experimente aller Art ist heute schon so gut wie sicher. Twitter wird also mit ziemlicher Sicherheit zu den spannendsten Elementen des Wahltags gehören. Und damit möglicherweise einigen Journalisten die Show stehlen. Vielleicht ereifern sich ja die Twitter-Kritiker aus einer Ahnung heraus, dass der Wahltag ihr Zahltag sein könnte…

Der Spiegel ist tot – die Aufklärung ist ins ‘Netz ohne Gesetz’ ausgewandert

Immanuel Kant - Philosoph der Aufklärung Unabhängiger Journalismus ist Aufklärung, und als solche verhilft er uns zu einer besseren und gerechteren Welt – so wurde uns das jahrzehntelang vermittelt. Und zwar insbesondere von jenen Medien wie dem Spiegel, der sich  damals im politisch belasteten Nachkriegsdeutschland als Speerspitze der Aufklärung verstand und als solche – teilweise bis heute – wertgeschätzt wird.

Inzwischen scheint der aufklärerische Elan der letzten Jahrzehnte weitgehend verflogen und zu einer leeren Marketinghülle verkommen zu sein, wenn man die unschöne Entwicklung in den deutschen Mainstream-Medien mal näher betrachtet. So wie das Stefan Niggemeier gerade mal wieder getan hat, indem er sich die aktuelle Spiegel-Titelgeschichte zur Brust nimmt.

Peinlich für den Spiegel ist, dass Niggemeier ein paar kleine analytische Handgriffe reichen, um die reißerisch aufgemachte Story “Netz ohne Gesetz” als billiges Schmierenstück zu entlarven, das sich einreiht in die lange Liste polemischer Tiraden gegen das Internet. Die Krone setzt dem Ganzen dann noch der Auftritt der Spiegel-Redakteurin Kerstin Kullmann im ZDF-Morgenmagazin auf. Statt sinnvolles von sich zu geben, sagt sie dort unter anderem seltsame Dinge wie: “mit Informationen im Paralleluniversum Internet ist es schlimmer als mit Atommüll”.

Was Niggemeier und andere mit solchen Stücken beweisen, ist, dass das Enthüllen und Aufklären inzwischen woanders stattfindet – nämlich nicht mehr in den alten Printmedien, sondern im Web. Hier lernen wir inzwischen jeden Tag aufs Neue, wie zum Beispiel die alten Medien tricksen, tarnen und täuschen. Möglich machen das die unzähligen aufmerksame Blogger und Twitterer, die  permanent Hinweise und Informationen ans Licht bringen und somit als Aufklärer im eigentlichen Sinn tätig sind.

Die Aufklärung, jene im 17. Jahrhundert begründete Emanzipationsbewegung, die durch Immanuel Kant ihr theoretisches Fundament erhielt, lebt also weiter. Nur ist sie gerade dabei, ihr Trägermedium zu wechseln – sie wandert ins ‘Netz ohne Gesetz’ aus.

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