Webmysterien: Unschöne Narben und billige Ausreden für unschöne Fotos

Schlimm genug, dass die Nachrichtenseiten im Web alle voneinander abschreiben. Noch schlimmer allerdings, wenn sie den Leser auch noch mit minderwertigem Material abspeisen, obwohl die Konkurrenz zur gleichen Zeit bereits Inhalte in deutlich höherer Qualität anbietet. Zum Beispiel in der Sache des aktuellen Formel-1-Rekonvaleszenten Felipe Massa. Da erzählt uns doch die FAZ heute:

Die Bilder sind ein wenig verschwommen. Sie zeigen [Massa], wie er die Treppen in das Flugzeug nimmt…

Anstatt die miese Fotoqualität auch noch extra zu erwähnen hätte man besser mal auf eine andere Site wie etwa Bild.de verlinkt, wo sich der Leser gestern schon ein besseres Bild machen konnte und wo heute die zusammengeflickte Kopfverletzung des Ferrarifahrers von allen Seiten in bester Auflösung zu bestaunen ist.

Aber Verlinken, jenes Geheimrezept der Blogosphäre, hat sich offenbar immer noch nicht in alle Winkel der Netzwelt herumgesprochen. Statt dessen bauen die meisten Ableger etablierter Medien immer noch Zäune um ihre Angebote. Wo doch nicht erst seit Jeff Jarvis klar sein müsste, dass wirtschaftlich UND inhaltlich erfolgreiche Webprojekte SO nicht funktionieren können.

Yahoo – das veraltete Denken der Webkatalogisierer

Jeff Jarvis schreibt in seiner aktuellen Guardian-Kolumne, dass er das Yahoo-Konzept immer schon für grundfalsch hielt:

After all, 15 years ago, it was Yahoo that first organised the web for us. Its original ambition seems quaintly naive today: human editors cataloguing every site worth visiting and deciding which were the hot ones we should visit. … Yahoo never quite broke out of that thinking. It still treats its site as a destination we have to go to with walls around it to keep us in.

Auch mir sind nach dem Microsoft-Yahoo-Deal Erinnerungen an das Yahoo der 90er hochgekommen. Die Idee eines redaktionell betreuten Webverzeichnisses erschien im Jahr 1994 tatsächlich plausibel, denn schließlich glich das Web in der ersten Boomphase einem schwarzen Loch: Bis dahin stellte man seine Homepages ins Nichts und hoffte, über irgendwelche Linklisten oder anderweitige Empfehlungen gefunden zu werden. Schnell war jedoch klar, dass angesichts des explosiven Wachstums der von Yahoo postulierte Anspruch eines manuell organisiertes Webverzeichnisses völlig absurd war. Seit Erscheinen der ersten richtigen Suchmaschinen wie Altavista habe ich Yahoo deshalb links liegengelassen. Als um 2000 rum ein Freund überlegte, bei Yahoo anzuheuern, hab ich mich gewundert, was er bei einer Firma ohne schlüssigem Produktkonzept zu suchen hätte. Er entschied sich schließlich für eine bessere Offerte. Was hat eigentlich Yahoo in den letzten zehn Jahren gemacht? Ich habe keinen Schimmer – wohl irgendwas mit Medien Werbung…

Nach Schnutinger-Desaster: Demnächst mit Blackwater ins Social-Media-Schlachtfeld?

Es gibt Errungenschaften in der alten Medienordnung, denen man in der publizistischen Chaos-Welt des Internet noch bittere Tränen nachweinen wird. Was ich meine ist der unbedingte Schutz, den Verleger und Chefredakteure ihren Journalisten angedeihen ließen/lassen. Investigativer Journalismus gar ist überhaupt nur möglich, wenn sich die Auftraggeber bis in die Geschäftsführungsebene hinauf bedingungslos vor einen Rechercheur stellen, um auch heftige Angriffe von Seiten einer ins öffentliche Visier geratenen Partei abzuwehren. Ich habe solche Situationen in meiner Zeit als Redakteur einige Male erlebt – da kann man sich seinen Spitzenanwalt getrost in die Haare schmieren, wenn die gegnerischen Panzer vor dem Verlagsgebäude schon Stellung bezogen haben. Und selbst im meist unverfänglichen Nachrichtenalltag beruhigt das Wissen um die geschlossenen eigenen Reihen die Nerven.

Wer gelernt hat, den Kopf hinzuhalten

In der Welt des freien, unbeschwerten Internet-Publizierens sind solche etablierten, professionellen Sicherheitsmechanismen unbekannt. Das ist unproblematisch, solange man als Blogger einen großen Bogen um vermintes Terrain macht, wobei man auch hier immer öfter von Abmahnfällen und anderen juristischen Scharmützeln hört. Jene Blogger, die gelegentlich schwerere Geschütze auffahren, sind übrigens meistens: Journalisten, die gelernt haben, den Kopf hinzuhalten.

Das bringt mich nun zum Fall Vodafone/Schnutinger – und zwar zu jenem Aspekt, der in dem ganzen Tohuwabohu etwas untergeht (Guten Überblick über die Ereignisse liefern 50Hz oder  Fixmbr). Frau Schnutinger alias Ute Hamelmann hat bekanntlich etwas naiv werblich für Vodafone gebloggt, erntete daraufhin wüste Kritiken und Beschimpfungen und hat nun aus Frust jegliche Blogaktivitäten eingestellt. Wie C.J. ganz gut pointiert, wurde hier eine Bloggerin schlicht und einfach verheizt. Fakt ist, dass niemand von der Auftraggeber- oder Agenturseite sich vor die Bloggerin gestellt und sie in Schutz genommen hat, wie das in einem traditionellen publizistischen Umfeld – auch im Corporate Publishing – ganz selbstverständlich wäre.

Unterlassene Hilfeleistung in der Kriegszone

Dieser Fall unterlassener Hilfeleistung konnte nur deshalb passieren, weil die Verantwortlichen das Terrain Öffentlichkeit – oder sollte man sagen ‘echte Öffentlichkeit? – viel zu wenig kennen. Jene Kommunikatoren haben Öffentlichkeit bisher nur aus ihren Schutzzonen heraus wahrgenommen, wo sie in Anzeigenseiten und Werbeblöcken schöne Reklamewelten errichten und sich kreativ austoben durften. Vom Blutbad auf der redaktionellen Nachbarseite haben sie nicht mal Spritzer abbekommen.

Nachdem nun die Social-Media-Revolution die Zäune um die alten Werbeschutzzonen niedergewalzt hat, brechen sie wie Eroberer auf in diese Terra Incognita der ‘echten Öffentlichkeit’ – und wollen dabei sehr oft nicht wahrhaben, dass hier Kommunikation etwas völlig anderes bedeutet, dass hier Scharfschützen lauern und Minen vergraben liegen, die nur darauf warten, beim falschen oder richtigen Impuls einen Feuersturm zu entfachen.

Selbst jene, die die Risiken kennen – und im Vodafone-Projekt waren davon ein paar dabei –, haben zumindest den nächsten wichtigen Schritt nicht bedacht: Dass man seine Söldner, die man ins das gefährliche Gelände schickt, schützen muss. Sobald ein großer Auftraggeber dahintersteht, sind das nämlich nicht mehr einsame Blogger, sondern ‘Mitkämpfer’, die das verdammte Recht haben, bei einem unschönen Verlauf der Kampagne unbedingten Beistand zu erhalten und bei Bedarf evakuiert zu werden.

Social Media als Risiko für Blogger

Social Media läuft nach solchen unschönen Ereignissen nicht nur Gefahr, auf Industrieseite in Misskredit zu geraten, sondern verspielt auch das Vertrauen auf Seiten der ‘Inhaltelieferanten’ – den Bloggern oder Twitterern -, ohne die das ganze Geschäft gar nicht möglich ist. Bei Kommunikationsdienstleistern und/oder deren Auftraggebern ist hier ein Umdenken gefordert – vielleicht holt man sich ja mal entsprechende Kompetenzen ins Boot.

Und Agenturen, die es immer noch nicht recht verstanden haben, können ja mal bei Söldnertruppen wie Blackwater anfragen, ob die ihnen in der gefährlichen Social-Media-Welt zur Seite stehen. 😉

[Alternativ zur Militärmetapher hat Martin Ötting übrigens den Fall aus der Perspektive eines LKW-Unfalls sehr schön verbildlicht]

In UK soll der Staat die Lokalberichterstattung finanzieren – und wie sieht’s in D aus?

In Deutschland finden Forderungen nach einem staatlich alimentierten Journalismus noch wenig Beachtung, in Großbritannien hingegen geht man an das Thema schon recht ungehemmt ran. So unterstützt der Chefredakteur des Guardian, Alan Rusbridger, nun Pläne, wonach die nationale Press Association PA (vergleichbar mit DPA) mit öffentlichen Geldern gesponsert werden soll, um die schwer kriselnde Lokalberichterstattung aufrechtzuerhalten. Argumentativ untermauert er das mit einem passenden Schreckensszenario:

Ich mache mir Sorgen darüber, dass in Zukunft Behörden und Gerichte ohne eine systematische Kontrolle der Öffentlichkeit arbeiten. Ich glaube nicht, dass der Gesetzgeber schon aufgewacht ist und dieses drohende Problem erkennt.

(Link via Wortfeld)

Und wie sieht es diesbezüglich bei uns aus? Hier in meinem Landkreis hat sich die Süddeutsche Zeitung weitestgehend vom Lokaljournalismus verabschiedet – es gibt lediglich noch ein paar Alibiseiten für ganz Abgestumpfte. Dafür macht der lokalisierte Münchner Merkur (Verleger Ippen) wie eh und je einen ordentlichen Job. Darüber hinaus gibt es aber inzwischen ca. drei lokale Werbeblätter mit Redaktionsteil, die teilweise mit recht engagiertem Journalismus auffallen (wobei sie natürlich auf kleinerer Flamme kochen).

Lokaler Web-Journalismus wächst

Hinzu kommen neuerdings immer bessere gemachte lokale Web-Publikationen. Interessanterweise tut sich hier in Südbayern der Merkur-Verlag mit attraktiven Angeboten hervor. Neben dem inzwischen multimedial und inhaltlich schön gemachten merkur-online fallen auch neue Portale wie Rosenheim24.de mit zeitgemäßem Regional-Journalismus auf.

Alles in allem erscheint mir daher eine Subventionsdebatte à la UK als überflüssig. Alternativen zu den alten Lokalzeitungen gibt es inzwischen mehr als genug – vielfach sogar aus den etablierten Medienhäusern -, so dass ich mir um einen auch in Zukunft anspruchsvollen Lokaljournalismus in Deutschland keinerlei Sorgen mache.

Lehren aus ‘Vodafail’: Transparenz, Authentizität und neue Rollen in Social Media

Es hätte die erste wirklich große Social-Media-Werbekampagne werden sollen, doch inzwischen entwickelt sich die “Generation Upload”-Aktion von Vodafone zu einem regelrechten “Blogger-Stalingrad”. Besonders hart trifft es die Protagonisten rund um den A-Blogger Sascha Lobo. Nachdem man die ersten Angriffe aus den Blogs und Kommentarbereichen noch halbwegs humorvoll pariert hatte, wirft nun die erste entnervt das Handtuch: Ute Hamelmann a.k.a. Frau Schnutinger verkündete heute ihren totalen Rückzug als cartoonzeichnende Bloggerin.

Nun haben wir es hier nicht mit dem ersten Fall einer (vermutlich gescheiterten) Kommerzialisierung von Blogs zu tun, also dem Versuch, Bloggen auf eine wirtschaftlich tragfähige Basis zu stellen und die neuen Social-Media-Kanäle für Marketingaktionen zu nutzen.

Die Blogger waren naiv

Dass die aktuelle Kampagne soeben mit dem Kommentarsturm gegen Hamelmanns Blogbeitrag eine so bittere Wendung nimmt, liegt meines Erachtens auch an einer gewissen Naivität der beteiligten Blogger im Umgang mit der Öffentlichkeit. Sie haben sich allesamt im neuen Medium Blog ein Publikum und einen Vertrauensbonus erarbeitet. Sie haben verstanden, dass hier nicht nur Transparenz, sondern vor allem Authentizität zählt (was auch das Thema meines letzten Beitrags war).

Sie haben aber offenbar nicht gut genug verstanden (oder einfach unterschätzt), dass Authentizität nicht nur erarbeitet, sondern auch ständig gelebt werden muss. Und dass man dafür gerade von einem Social-Media-Publikum genauestens bis argwöhnisch beäugt wird.

Social-Media braucht neue Rollen

Wie lässt sich zukünftig ein solches Desaster verhindern – und Social-Media trotzdem im Unternehmensumfeld sinnvoll und risikofrei einsetzen? In erster Linie braucht es so etwas wie eine neue Rollenverteilung in der Medienlandschaft. Die Tatsache, dass heute PR-Leute twittern, Werber bloggen und Journalisten podcasten, zeigt, dass die ‘alte Medienordnung’ bereits passee ist. Jeder kommuniziert inzwischen in irgendeiner Form mit dem Publikum/der Öffentlichkeit.

Und doch zeigt das Vodafone-Beispiel, dass das Publikum – gerade im Web  – eine saubere Trennung zwischen Kommunikation im Kundenauftrag und authentischer, persönlicher Mitteilung erwartet.

Am Besten vorbereitet für diesen Spagat sind eigentlich die Journalisten, da für sie seit eh und je Neutralität und Leserorientierung zur Rollendefinition gehörten. Deshalb sehe ich für Journalisten auch gute Chancen im Social-Media-Sektor: Wer bereit ist, sich ernsthaft darauf einzulassen, dürfte bei der Rollenverteilung der zukünftigen Web-Öffentlichkeit auch ein gewichtiges Wörtchen mitzureden haben.

Journalismus und Blogs – es geht um Transparenz vs. Objektivität

Journalismus und Objektivität erschienen uns bisher als zwei untrennbare Begriffe. Mit dem Web und den Blogs verändert sich inzwischen auch der Journalismus – und damit auch seine ethisch-moralischen Fundamente. David Weinberger, Mitautor des berühmten “Cluetrain Manifesto”, erklärt nun in seinem aktuellen Blog-Beitrag, welche neuen Letztbegründungs-Mechanismen zukünftig gelten: ‘Transparenz ist die neue Objektivität’. Was er damit meint, erläutert er anhand eines kurzen Gesprächs mit einem bekannten ‘Old-School’-Journalisten:

Ich fragte Pulitzer-Preisträger Walter Mears während einer Blogger-Pressekonferenz bei der Democratic National Convention 2004, wen er als als nächsten Präsidenten favorisiere. Er antwortete: ‘Wenn ich Ihnen das sage, wie können Sie dann noch meinen Artikeln vertrauen?’

Ich antwortete ihm: ‘Wenn Sie es uns nicht sagen, wie können wir Ihnen dann noch als Blogger vertrauen?’

Steve Ballmer – ein Werber außer Rand und Band

Den ‘Developer-Developer-Developer’-Auftritt eines auf der Bühne ausflippenden Steve Ballmer kennt fast jeder. Aber wer hat gewusst, dass der Microsoft-Chef für seine Produkte sogar den Fernsehkasper gemacht hat? Zum Beispiel 1986 mit einem Spot für Windows 1.0:

Und sogar für Windows XP legte sich der Cheffe höchstpersönlich voll ins Zeug:

Weiterlesen →

Seite 5 von 36Anfang...34567...102030...Ende