SO EIN ZUFALL! Vorgestern habe ich noch kryptisch über die ungehinderte Betätigung von US-Strafverfolgern in Deutschland geschrieben (und es gab Gründe für diese verklausulierte Darstellung). Und heute befasst sich der Oberinvestigator der Süddeutschen, Hans Leyendecker, mit diesem Thema im Aufmacher der Wochenendbeilage. Titel: „Was Manager fürchten sollten„. Dabei erwähnt er auch Details zu jenem Fall, der mir zu Ohren gekommen ist: Zwei von insgesamt vier inhaftierten Infineon-Topmanagern saßen in einem US-Gefängnis ein, ohne dass sie mit den Preisabsprachen zu tun hatten („Bauernopfer“).

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Ausser mir haben sich vorgestern Abend auch die ca. 150 anwesenden Schülereltern im falschen Film gewähnt, als ein Hauptkommissar von der Kripo Erding im Rahmen einer schulischen Infoveranstaltung über „Jugend und Medienkonsum“ aus dem Ermittlungsalltag im Bereich Computerkriminalität berichtete. Darin ging es beispielsweise um einen 11-Jährigen, der im elterlichen Keller über einen PC mit eigenem DSL-Anschluss verfügte, vollgestopft mit Raubkopien und Videos übelster Machart – sowie einem Tresor daneben, in dem er illegales vor jeglichem Zugriff sicher verwahrte.
Während man für die hier geschilderte Razzia noch Verständnis aufbringt, stimmen einen andere Alltagsszenarien doch recht nachdenklich.

Bei der Frage nach seiner besonderen berufliche Qualifikation gerät man als Journalist des öfteren in eine eigenartige Rechfertigungssituation: Schreiben könne in alfabetisierten Kulturen doch jeder und Aufsätze verfasse man schließlich schon in der Grundschule. Nicht zuletzt deshalb fühlen sich viele Zeitgenossen zum Autor oder (Leser-)Reporter berufen.

In fachjournalistischen Disziplinen wie dem IT-Journalismus kommt noch ein anderer Aspekt zum Tragen: Journalisten sind meist keine ausgebildeten Techniker und daher sind sie in der Regel auf fachkundige Informanten wie Informatiker, Analysten oder IT-Manager angewiesen. Da drängt sich – zunehmend auch in Redaktionen mit schrumpfendem Budget – die Frage auf, warum nicht gleich die Techniker selbst in die Tasten hauen und den Fachjournalismus selber in die Hand nehmen sollten?

Werbeagenturen sind eindeutig der Lieblingsfeind von 1. Journalisten, 2. Kundenzeitschriftenverlagen (CP) und 3. (journalistisch vorgeprägten) PR- und Kommunikationsprofis, wie mir in den letzten Tagen bei Gesprächen mit Leuten aus diesem Umfeld wieder mal aufgefallen ist. Für diese Abneigung gibt es je nach Interessenlage unterschiedliche, aber miteinander zusammenhängende Gründe.

Der eine – ein Freund – war Kommunikationsverantwortlicher eines DAX-Konzerns mit fundiertem journalistischen Background. Er berichtete mir, dass er bei der Ausschreibung für ein Mitarbeitermagazin _wieder_einmal_ erschüttert war von der unterdurchschnittlichen journalistischen Kompetenz, die viele Agenturen aus dem diffusen PR/Werbeumfeld an den Tag legen. Nachdem sich beim „Pitch“ der eine Schlusskandidat in seiner Präsentation darauf beschränkte, dazulegen, wie toll seine „Agentur“ sei, habe quasi zwangsläufig der zweite Verbliebene, ein Verlag für Kundenzeitschriften, den Zuschlag für das Magazinprojekt erhalten.

Früher, als die Medienwelt noch in Ordung war, konnte man sich an zwei Polen orientieren: Auf der einen Seite die Publikumsverlage, die das Massenpublikum mit dem Versprechen einer unabhängigen Tages- und Fachberichterstattung an sich banden und damit eine ordentliche wirtschaftliche Grundlage auch für die Redakteure und freien Journalisten bieten konnten. Daneben entwickelten sich im Lauf der Zeit auch die Geschäfte des rivalisierenden, „Marketing-getriebenen“ Mediensektors, der bei PR-Textern beginnt und bei Produzenten von Kundenmagazinen endet. Diesem haftete dabei stets der zweifelhafte Ruf an, dass er mit Hilfe von Auftragsschreibern das Ziel verfolge, reine Industrieinteressen zu vertreten.

Unter dem Titel „PR verschmutzte Wikipedia“ hat Kollege Lars Reppesgaard bereits im August die Frage aufgeworfen, in wiefern man einer PR-Zunft noch trauen könne, die permanent ihre Grenzen überschreite. Er bezog sich dabei auf eine Meldung, wonach die amerikanische PR-Agentur MyWikiBiz.com ganz offen „professionell geschriebene“ Wikipedia-Artikel anbietet.

Dazu muss ich zunächst eines sagen: Auch die deutsche Wikipedia wird fleißig mit PR-Texten bestückt, wie ich aus einer sicheren Quelle weiß.

Wenn man bedenkt, dass vor zehn Jahren viele Leute gerade mal gelernt haben, was das Internet und das WWW sind und die Mehrheit noch wenig oder keine Ahnung davon hatte, wird einem erst das Ausmaß der kulturellen und lebensweltlichen Veränderung klar, die in dieser kurzen Zeit stattgefunden haben.

Die ersten amateurhaften Gehversuche der Internet-Stars von heute sieht man ganz schön an der ersten Seite von Spiegel Online, die im Juni 1996 online gegangen ist und von den Betreibern als Antiquität zur Schau gestellt wird.